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„Land Grabbing” - Rückblick

16.04.2014 - LANDWEGE-Neuigkeiten

Ein Flugzeug donnert über Rumänien: In ihm sitzt ein Investor. Unter ihm liegen 18.000 Hektar Land. Fruchtbares Ackerland. Er will es kaufen. Warum? Der Dokumentarfilm, den Matthias Zaiser zu Beginn vorführt, zeigt es: Wenn Investoren wie German Agrar sich für Land interessieren, dann reißen sie die Produktion nach oben, damit sich das Investment lohnt. Mit nachhaltigem Ackerbau hat das nichts mehr zu tun. Eine derartige Steigerung geht nur mit vollem Einsatz konventioneller Mittel: Pestizide, schwere Maschinen, Umstellung auf ertragreiche Sorten – denn was zählt, ist die Rendite. 

Matthias Zaisers Zahlen sind eindeutig: Der Appetit auf Land hat seit 2005 zugenommen – ab 2009 wurde er durch die Finanzkrise weltweit zum Riesenhunger: Wenn Investoren zuschlagen, kaufen sie selten unter mehreren tausend Hektar Land. In Liberia sind z. B. 100 % des kultivierbaren Bodens in den Händen ausländischer Spekulanten. 31 % von Sierra Leone gehören Investoren in Großbritannien und Amerikaner können sich freuen, 36 % des Ackerlandes in der Ukraine zu besitzen. Chinesen und Japaner stehen ihnen in nichts nach. Die Landnahme im großen Stil ist nur deshalb ein finanzielles Erfolgsmodell, weil die Weltbevölkerung wächst und Boden knapp wird. Gleichgültig, ob staatliche oder private Akteure zugreifen – die Folgen sind weltweit verheerend.

„Liegt der Irrtum erst wie ein Grundstein unten im Boden, immerfort baut man darauf, nimmermehr kommt er an Tag.“ Das sagt Goethe – und Zaiser geht diesem Zitat auf den Grund. Er zeigt die Folgen der Idee, mit dem Kauf von Land Gewinn zu ernten: Nahrungsmittelknappheit in den Zielländern, Marginalisierung kleinbäuerlicher Strukturen, Behinderung von Wasser-, Weide, und Sammelrechten, Zerstörung von Sozialstrukturen, ökologische Zerstörung der Artenvielfalt, Vergiftung der Umwelt durch Pestizide, Schwund von Ackerland durch Erosion und Versiegelung sowie eine Verschärfung des Klimawandels. Denn: Würde man weltweit nur 1 cm Humus aufbauen, wäre das Klimaproblem gelöst. „Land Grabbing“ jedoch ist ein Phänomen, das den Boden eher ausbeutet als ihn nachhaltig aufzubauen.

Ab 2005 ziehen nicht nur die Kaufpreise für Agrarland deutlich an – auch die Pachtpreise gewinnen an Boden: Läuft z. B. hierzulande ein langfristiger Pachtvertrag aus, kann das leicht zum Desaster werden – denn konventionelle Käufer können aufgrund besserer Bietpreise die ökologische Konkurrenz oft locker ausstechen. EU Fördergelder, die an Flächengrößen gebunden sind sowie Subventionen für Agroenergiepflanzen verlocken manchen Anbieter, seinen Grund und Boden lieber an den Meistbietenden zu verkaufen oder zu verpachten. Für Bio-Höfe wird es daher immer schwieriger, an bezahlbares Land zu kommen. Was – so fragt Zaiser – kann man direkt vor Ort gegen diesen Missstand tun?

Jedem Bürger sein Stück Land – das wäre die ideale Situation, damit sich jeder selbst adäquat und unabhängig ernähren könnte. Vor dem Hintergrund wachsender Urbanisierung wird das wohl zunächst ein Fernziel bleiben. Um aber zu verhindern, dass sich fruchtbare Ländereien in den Händen einzelner Investoren konzentrieren, schlägt Zaiser vor, bürgerschaftliche Trägerschaftsmodelle zu entwickeln, die Kapital bereitstellen, um damit Land zu kaufen und an biologisch arbeitende Betriebe zu einem angemessenen Preis weiterzugeben. Das wäre ein zukunftsweisendes Instrument, um auf dem bestehenden Markt Bio-Land zu sichern. Mit diesem Vorgehen würde nicht nur eine nachhaltig biologische Landwirtschaft gefördert,  sondern auch ökologischen Nachteilen vorgebeugt. Darüberhinaus wird ein Stück Heimat aufgebaut.

Auch die genossenschaftliche Struktur der EVG LANDWEGE eG bietet sich an, zur Grundlage eines solchen Beteiligungsmodells zu werden. Immerhin hat die EVG seit 25 Jahren ein Netzwerk aus engagierten GenossenschaftlerInnen zu bieten, denen es am Herzen liegt, das Umland ökologisch zu bewirtschaften und es damit gleichzeitig gegen konventionelle Interessen zu schützen. Das Ziel des schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministers ist es, die biologisch bewirtschaftete Fläche im Lande zu verdoppeln. Vielleicht kann eine gewachsene Struktur wie LANDWEGE ihren Teil in Zukunft dazu beitragen?

Das Publikum – darunter 7 Bio-Bauern – hat sich im Anschluss noch lebhaft an der Diskussion beteiligt: Warum sollte man ein Beteiligungsmodell schaffen, das am Ende steigenden Pachtpreisen entgegenkommt und die Verpächter bedient? Man war sich einig, dass Kapital nur dann sinnvoll eingesetzt werden kann, wenn es um den Kauf von Land geht. Dann aber – so stellte sich im vollbesetzten Saal heraus – wäre es durchaus sinnvoll, sich auf diesem zukunftsträchtigen (Bio) Boden zu engagieren.

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