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„Land Grabbing” – wie die neue Landnahme Bauern den Boden entzieht

„Land Grabbing“ – das steht für die private oder staatliche Aneignung von Land im großen Stil – häufig mit fragwürdigen Methoden. Wo Investoren zugreifen, können sich Kleinbauern und -bäuerinnen Boden- und Pachtpreise oft nicht mehr leisten. Dieser Text gibt einen Einblick in einen Konflikt um das Grundrecht auf angemessene Ernährung. 

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Wie „Land Grabbing“ Menschenrechte verletzt

Wenn große Investoren Boden als wertvolles Spekulations-Objekt entdecken, verletzen sie durch dieses „Land Grabbing“ oft das Menschenrecht auf angemessene Ernährung [Artikel 11,1 und 11,2 des Sozial Pakts der Vereinten Nationen, 1966]. Denn der Zugriff aufs Land entzieht der Bevölkerung häufig den Boden für eine ausreichende Selbstversorgung. Wurde fruchtbare Erde bisher überwiegend für Investitionen in sogenannte „Cash Crops“ verwendet (Bananen, Kaffee, Kakao), ist das Neue an der derzeitigen Landnahme das Ausmaß sowie das Tempo großflächigen Landerwerbs – auch außerhalb von Entwicklungsländern. Dabei geht es zunehmend um Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Reis.

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Warum Investoren mit Boden spekulieren

Die Ursachen für „Land Grabbing“ sind vielfältig: Staatliche Investoren und Agrarunternehmen pachten oder kaufen Flächen, um mit ihnen im großen Stil Gewinne zu generieren. Oftmals bewegen sie sich dabei im rechtlichen Niemandsland. Weil fruchtbarer Boden durch die wachsende Weltbevölkerung, Flächenversiegelungsowie zahlreiche ökologische Belastungen zu einem immer knapperen Gut wird, bildet er einen immer lohnenderen Grund für Spekulationen. Gestiegene Preise für Nahrungsmittel lassen Investoren dabei gerne zu billigem Land in Entwicklungsländern greifen. Auch die globale Finanzkrise hat den Hunger auf Land angeheizt, denn Ackerland bedeutet sichere Profite.

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Wie die EU Fehlentwicklungen fördert

Innerhalb der EU verschärfen Fördergelder für Großflächen den Appetit auf landwirtschaftliche Flächen. So vergibt die EU Agrarsubventionen von 300 EUR pro Hektar– egal, was angebaut wird. Großinvestoren leisten sich schon mal 20.000 Hektar auf einmal. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Hofgröße in Deutschland beträgt rund 58 Hektar. Die Bodenpreise werden dadurch künstlich in die Höhe getrieben; Pachtpreise steigen, besonders Bio-Kleinbauern können sich die benötigten Flächen für ökologischen Anbau nicht mehr leisten. Das Ergebnis: Wertschöpfung findet nicht mehr vor Ort statt, die Landflucht wird verstärkt, Monokulturen breiten sich aus und wertvolle Lebensmittel werden zur Energieerzeugung verwendet. 

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Weshalb Maiswüsten entstehen

Er nimmt immer mehr Boden ein: der Maisanbau. In der EU und in Deutschland ist Mais die wichtigste Energiepflanze für Biogasanlagen. Er liefert hohe Flächenerträge, gute Gasausbeute und kann kostengünstig angebaut werden. Die Errichtung von Biogasanlagen wird kräftig subventioniert und hat sich zum lukrativen Geschäft für Investoren entwickelt. Kein Wunder, dass sich die Fläche für Maisanbau in Deutschland von 1,5 Millionen im Jahr 2002 auf 2,5 MIllionen Hektar im Jahr 2012 fast verdoppelt hat – Mais nimmt mehr als ein Fünftel der Ackerfläche in Anspruch. Die Folgen: die Biodiversität nimmt ab, Bodenerosion steigt, Nährstoffe werden aus dem Boden gewaschen und die Kohlenstoffbindung sinkt – was wiederum die Erderwärmung unterstützt. Und es kommt noch schlechter: Die übermäßige Düngung der Maisfelder, Gärreste und Gülle der Gasanlagen belasten Boden und Grundwasser mit Nitrat. Mais-Monokulturen machen den Boden daher alles andere als froh!

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Wieso landwirtschaftliche Betriebe verschwinden

In Folge der Konzentration großer landwirtschaftlicher Flächen nimmt die Anzahl kleinbäuerlicher Betriebe ab –  auch in Deutschland: Bewirtschafteten im Jahr 2010 in Deutschland noch rund 285.000 Betriebe eine Fläche von knapp 16,7 Millionen Hektar, sank nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Quelle: Destatis) die Zahl im Jahr 2013 um etwa 5 Prozent. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche blieb hingegen annähernd gleich – die Konzentrationsprozesse halten also an [Quelle: www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen]. Für die Umwelt, die Pflanzen und Tiere und die Versorgung der Menschen mit gesunden Lebensmitteln eine schlechte Nachricht, denn: Nur eine nachhaltige kleinbäuerliche Landwirtschaft kann auf Dauer gerechte Einkommen und gesunde Ernährung weltweit garantieren [Quelle: Weltagrarbericht]. 

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Wie Bio in Deutschland an Boden verliert

Das Handelsvolumen von Bioprodukten in Deutschland legte in den letzten Jahren um 21 Prozent zu (Quelle:  BÖLW) – das Angebot jedoch reicht dafür bei weitem nicht aus. Denn mehr als 5 Prozent der deutschen Bio-Bauern geben jährlich auf: Jedes Jahr ackern also 600 Bauern weniger auf Bio-Boden (Quelle: Von-Thünen-Institut). Die Folge: 2013 nahm die ökologisch bewirtschaftete Fläche um nur 1,8 Prozent zu, obwohl Deutschland mindestens 20 Prozent der Äcker ökologisch bewirtschaften will. Die gesamte Bio-Fläche nimmt aktuell 6,2 Prozent ein. Dieses Rekord-Tief liegt nicht nur an den sinkenden Förderungen für Öko-Landwirte – auch die  Produktionskosten durch Futter- , Energie- und Pachtpreise steigen kontinuierlich. Nicht nur in Ostdeutschland fürchten Bio-Bauern daher, dass sie gegen Gebote von Kapitalgesellschaften nicht mithalten können. 

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Was Land Grabbing anrichtet

Die Auswirkungen von „Land Grabbing“ sind sozial, ökonomisch und ökologisch desaströs – national wie global. Weil Länder ihr eigenes Land nicht zahlen und ihre Bevölkerung nicht mehr ernähren können, sind steigende Agrar- und Lebensmittelimporte und teure Abhängigkeiten die Folge. Kleinbäuerliche Landwirtschaft wird vernichtet, Landrechte und Boden für den Anbau von Grundnahrungsmitteln werden entzogen. Der Klimawandel mit den Folgen von Erwärmung, verkürzten Regenzeiten und Dürreperioden gefährdet die Nahrungsmittelsicherheit zusätzlich. Auf dem globalen freien Markt verstärken all diese Faktoren wiederum den Ausverkauf von Land. Ein Beispiel: In Afrika, wo nach einer Schätzung bisher 70 Prozent des „Land Grabbing“ stattfanden (Quelle: Brot für die Welt), führte das innerhalb weniger Jahre zu einem Anstieg der Ausgaben für Getreideimporte von 130 Prozent. So wird Hunger zu einer weltweiten Folge des Appetits auf Land!

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Was tun gegen die neue Landnahme?

Zwar sind Regierungen verpflichtet, die Rechte ihrer BügerInnen gegenüber Interventionen Dritter zu schützen: Menschenrechte sollten daher Vorrang vor Handelsrechten oder Investitionsabkommen haben.Diese Verpflichtung allein reicht als Grundlage für nachhaltigens Handeln jedoch kaum aus.

Allgemeine Menschenrechtsbildung ist daher ein wichtiger Schritt auf dem Weg, globale Chancengerechtigkeit zu fördern. Achtsamer und nachhaltiger Konsum – z. B. die Nachfrage von fair gehandelten Produkten und die aktive Unterstützung kleinbäuerlicher Landwirtschaft – hilft, das Menschenrecht auf angemessene Ernährung regional und global zu sichern.

 

Weitere bodenständige Links zum Thema:

• Landgrabbing: Wettrennen um Nahrungsmittel in der Zukunft

• Weltagrarbericht - Landgrabbing

• Konzernlandwirtschaft auf dem Vormarsch: Die deutschen Agrarriesen

• "Mit der Existenzgrundlage von Milliarden Menschen spekuliert man nicht!"

• Afrika: Äthiopien überlässt das Land den Investoren

• Planet.e: Poker um deutsche Äcker

• Amnesty: Alle 30 Artikel der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

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